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Editorial

Volker Glaser,
Chefredakteur

Was sagen uns die Bücher 2016?

Die anstehende Berichtssaison für das 4. Quartal und damit einhergehend die Jahreszahlen 2016 wird von den größten Unternehmen aus den Auswahlindizes nun eingeleitet. Nachdem die globalen Rohstoffkonzerne die Vorturner geben, werden in der Folge vor allem Industrietitel berichten, wie es denn im alten Jahr gelaufen ist. Wir gehen in der Breite von guten Geschäften aus. Die Trends, die im 3. Quartal sichtbar waren, dürften bis auf einige Ausnahmen gehalten haben. In Deutschland sind wir weiter positiv gestimmt, die aktuellen Irrungen und Wirrungen aus der Politik – Stichwort USA und „America First“ – sind im 2016er Zahlenwerk nicht abgebildet. Das Hauptaugenmerk in der Berichtssaison habe ich auf Titel wie Stada (aktivistische Aktionäre), die gesamten Automobilzulieferer (Turnaround), Platzhirsche (Fuchs Petrolub, Fielmann) und die Immobilienwerte, die nach der Winter-Korrektur nun Farbe bekennen müssen, gelegt. Vom Zahlenkranz abhängen wird der Money Flow, also die Bewegungen des institutionellen Geldes, wovon nach meinem Dafürhalten zu viel in passiven Anlageprodukten (Indexfonds, ETFs, Zertifikate) steckt und damit weitgehend an Indizes orientiert ist.

Der Stockpicker, also der nach guten Einzelaktien suchende Investor, gehört in der institutionellen Welt zu einer aussterbenden Spezies. Das Ganze gewollt vom Regulator, der Einzelaktienempfehlungen, etwa für Bankberater, zu einer fast unüberwindbaren Karriere- und Haftungsbarriere aufgeblasen hat. Sehen wir es positiv – da die Analysedichte in der Breite nachlässt, besteht die Chance, dass fleißige Anleger und die schreibende Zunft wie die Vorstandswoche Dinge entdeckt, die den Profis bis dahin verborgen blieben. Und genau darauf konzentriere ich mich auch im 19. Jahr meiner Tätigkeit an der Börse. Für Sie und unser Musterdepot, welches gut in 2017 gestartet ist.

Aktienbär der Woche

„Irrer Iwan“ oder Asbecks Rettung?

Die Solarworld-Aktie gehört zu den Aktien mit der höchsten Wertsteigerung im noch jungen Börsenjahr 2017. Um mehr als 140 % haben die Titel in der Spitze zulegen können. Nachrichten? Fehlanzeige, es gibt lediglich Marktgerüchte, wonach der existenzielle Streit mit dem US-Lieferanten Hemlock wohl gütlich ausgehen solle. Bestätigungen hierfür gab es bis dato keine. Vom Unternehmen selbst war nichts Substanzielles zu hören, selbst gewöhnlich gut informierte Kreise tun sich schwer mit der Kurskapriole. Alles nur ein „Irrer Iwan“ - die Umschreibung für einen völlig von der Norm abweichenden Kurs eines Schiffes – ein Manöver, um eventuelle Verfolger abzuschütteln? Angesichts des derzeit bekannten Zahlenwerkes von Solarworld muss man von einem „Irren Iwan“ ausgehen, denn operativ wird 2016 nichts verdient und auch in 2017 wird es knapp werden. Der seit Jahren schwelende Rechtsstreit mit dem Siliziumhersteller Hemlock ist Dreh- und Angelpunkt für Solarworld. Das Verfahren gegen die Amis hat einen Streitwert von 793 Mio. Dollar und würde selbst im Falle eines 10-Prozent-Vergleiches den Börsenwert von Solarworld (79 Mio. Euro Börsenwert) schon übersteigen. In der Aktie sind aktuell viele Kurzfrist-Investoren aktiv. Ich sehe für Solarworld nur eine Chance, wenn sich Frank Asbeck mit den Amis gütlich einigt. Denn sollte Asbeck viel Cash liefern müssen, sehen wir für den Titel rot, denn im 4. Quartal war das Geld offensichtlich schon so rar, dass die Zinsen der ausstehenden Bonds in eine Nennwerterhöhung gesteckt wurden, was Anleihebedingungskonform ist, jedoch schlussendlich nichts anderes als eine Schulderhöhung darstellt. Ohne Not macht man das nicht. Aktive Trader mit Mut zum Risiko setzen auf einen „Irren Iwan“ und gehen Solarworld short – mit hartem Stopp-Loss-Kurs, falls Asbeck doch überraschend reüssieren sollte.