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Editorial

Volker Glaser,
Chefredakteur

Mittelstandsbonds – Pleiten, Pech und Gier

Die jüngste Meldung aus dem Hause Gewa, einem Immobilienprojektentwickler aus der Nähe von Stuttgart, passte so schön ins Bild, welches der Mittelstandsanleihemarkt seit zwei Jahren sendet – wieder mal eine Insolvenzmeldung. Wir hatten vor der Zeichnung des 6.5-Prozent-Papiers mit seiner 4-jährigen Laufzeit massiv gewarnt (Ausgabe TC Nr. 500 vom 15.03.2014), da ein Ein-Objekt-Projektentwickler schlicht nichts an der Börse zu suchen hat. An der Malaisse war nicht nur der Emittent schuld, der es operativ schlicht versemmelt hat. Nein, hier sind Banken, Berater und Anleger im gleichen Boot, welches den Namen „MS Gier“ trägt. Da Gier oftmals bekanntlich Hirn frisst - wie es der Volksmund schön treffend formuliert - nahm die Fahrt der „MS Gier“ auch mit der Fracht Gewa seinen fast schon planbaren Verlauf. Immobilienprojektentwickler benötigen Eigenkapital. Wenn in der Immobilienhausse superschlaue Entwickler vom Schlage der Familie Warbanoff dieses Eigenkapital durch Fremdkapital ersetzen, es strukturell nur anders verpacken, etwa als Bond oder Mezzanine-Finanzierung, dann arbeiten die Häuslebauer de facto nur mit geliehenem Geld, dem der Anleger und der Banken. Das kann nicht wirklich gut gehen.

Im Falle Gewa sind wir zudem gespannt, was die zu Emissionszeiten stark beworbenen, erstrangigen Sicherheiten im Grundbuch wert sind. Aus meiner Immobilienerfahrung auf dem schwäbischen Land stehen an erster Stelle die Banken und dann kommen die sonstigen Gläubiger. Was dann von einer möglichen Immobilienverwertung noch übrig bleibt, wird an die nachrangigen Gläubiger ausgeschüttet. Von den ganzen Verfahrenskosten für die Insolvenz will ich gar nicht reden, denn Frank Günther von One Square Advisory wird auch sicherlich wieder auf Mandatenjagd gehen. Den Herren haben wir Ihnen, verehrter Leser, ja schon vorgestellt. Gruselig alles!

 

 

 

Aktienbär der Woche

Salzgitter - schiebt Schäuble den Kurs an?

Gibt’s Post vom Fiskus, ist in der Regel die Stimmung schlecht, denn Vater Staat hat selten was zu geben, meist greift er ab. Bei der Salzgitter könnte es nun anders kommen, eine frohe Botschaft vom Fiskus steht ins Haus. Zumindest wenn der geneigte Leser ein Schreiben des Bundesministerium der Finanzen (BMF) vom 11.11.2016 nicht als Fastnachtswitz auffasst. Im Tenor eröffnet der Anwendungserlass des Ministeriums, welcher sich an die Oberfinanzdirektionen der Länder richtet, allen Unternehmen, die mit der Wertpapierleihe Geld verdient haben, eine Möglichkeit, zu viel gezahlte Steuern der Vorjahre wieder zurück zu hohlen. Damit würde ein systematisch schwerlich nachvollziehbares Urteil des Bundesfinanzhofes (BFH) aus dem Sommer 2015 aufgehoben werden. Der BFH hatte seinerzeit die Erträge als nicht mehr steuerbegünstigt beurteilt. In der Sache hat das Schäuble-Ministerium richtig gehandelt und den systematischen Unfug beseitigt. Profiteure sind vor allem Versicherer sowie Unternehmen wie etwas Salzgitter, die ihr Vermögen aktiv bewirtschaften. Wir begrüßen diese Nachricht aus Schäubles Haus. Für Salzgitter öffnet der Anwendungserlass nun eine längst verloren geglaubte Schatztruhe, die bestenfalls bis zu 100 Mio. Euro ausmachen wird. Der Aktie des Stahlkochers kann das nur gut tun und ist vielleicht der Startschuss für eine Erholung. Binnen 52 Wochen liegt das Papier mit 14 % vorne, auf Sicht jedoch von 3.5 bzw. 10 Jahren steht Salzgitter trotz manierlicher bilanzieller Lage tiefrot da. Mit einem für 2016 geschätzten Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0.6, einer halben Umsatzbewertung sowie einem EBITDA-Faktor von 8 erscheint die etwas übergeleveragte Salzgitter an schwachen Tagen ein Kauf.